Wiler Zeitung / Keine Schere mehr im Kopf
Hans Guggenheim, Schwiegersohn des Malers Ben Ami, Vater der Künstlerin Gilgi Guggenheim, Schwiegervater des Künstlers Marcus Gossolt, schloss als ältester Student den ersten Ausbildungsgang für Gestalter HF Bildende Kunst ab.
Als in St. Gallen vor fünf Jahren die Neuigkeit herumgeisterte, die Schule für Gestaltung plane die Eröffnung eines berufsbegleitenden Lehrgangs Bildende Kunst, und zwar in einer Grossküche, begann es gleich zu brodeln in der Gerüchteküche. Seit Jahren waren ähnliche Ideen lanciert und systematisch gescheitert. Kulturpolitisch schien das Thema einer Kunstschule HF (höhere Fachschule) keine Chance zu haben – genauso wenig wie der Aufbau einer Kunsthochschule, welche seitens Kunstschaffender und -sachverständiger in der Vergangenheit immer wieder gefordert worden war. Und nun also eine Kunstküche nach der Idee einer freien Forschungsanstalt mit Dozentinnen und Dozenten aus unterschiedlichsten Fachgebieten.
Vom Hobby zum Beruf
Ins Leben gerufen hatte den Lehrgang, seit September 2010 in der alten Stickereifachschule untergebracht, der im vergangenen Jahr fristlos entlassene Leiter der Schule für Gestaltung, Thomas Gerig. Was in der Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert wurde, klang am Familientisch der Guggenheims sehr konkret: «Marcus war aktiv beteiligt an der Ausarbeitung des Ausbildungskonzepts», schildert Hans Guggenheim. «Und ich war der Überzeugung, dass es ein solches Angebot in St. Gallen geben muss.» Während sich die jüngere Generation der Familie mit der Art der Vermittlung beschäftigte, sah Hans Guggenheim seine Zeit gekommen, sein «Gebastel», wie er seine jahrelang gepflegte kreative Tätigkeit nennt, in eine künstlerische Ausbildung fliessen zu lassen. Das Haptische sei ihm, der sich als junger Mann zum Modezeichner und -gestalter hatte ausbilden lassen, immer wichtig gewesen. Er sammelte einige seiner gefertigten Werke – darunter behauene Steine und einige Objekte wie der Wecker mit der Schere, die er seiner Frau zur Pensionierung geschenkt hatte – eine «Zeitschere» für den neuen Lebensabschnitt – und bewarb sich mit seinem künstlerischen Fundus um einen Ausbildungsplatz. Seither sind vier Jahre vergangen. Hans Guggenheim hat in der Schule, in die er im Alter von 72 Jahren eintrat und die vor kurzem die staatliche Anerkennung erhalten hat, im vergangenen Sommer abgeschlossen und darf sich nun Gestalter HF Bildende Kunst nennen. Im kleinen Atelier im Untergeschoss des Wohnhauses stehen die Arbeiten bereit zum Abtransport für die erste eigene Ausstellung in Oberuzwil. Mit dabei sein wird sein langjähriger Berufskollege Ernst Bühler. Die beiden pensionierten Männer arbeiteten gemeinsam im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst; Hans Guggenheim, der mit seiner Familie zwanzig Jahre, bis 1981, in Israel gelebt hatte, als Sozialarbeiter, sein Kollege als Psychologe.
Das Leben, den Tod begreifen
Hans Guggenheim erzählt begeistert von seiner Kunstausbildung. Der Stil der Vermittlung, der weniger über bestimmte Techniken führt als vielmehr über theoretische Inhalte in der historischen, soziologischen und philosophisch-kulturellen Reflexion, habe ihm ganz neue und ungewohnte Denkansätze eröffnet. «Wir diskutierten ja ständig, stritten uns manchmal auch, was angesichts der heterogenen Zusammensetzung der Klasse nicht zu umgehen war, und: Ich war ja weitaus der Älteste!», sagt Hans Guggenheim lachend. Für sich habe er eine Essenz des magischen Begriffs «Kunst» abgeschöpft und fügt hinzu, es genüge ihm heute nicht mehr, etwas als schön oder originell zu bezeichnen. «Ich versuche, die Schöpfung, das Existenzielle, das Leben, den Tod über die Kunst zu begreifen.»
Vernissage Fr 16.5. Galerie Fafou. Freudenbergstrasse 1, Oberuzwil; bis 25.5.
BRIGITTE SCHMID-GUGLER
